Interview mit Herrn Lüdi

UNESCO Projekt Schule

Interview mit Herrn Lüdi

#CaJaBu: Wollen sie sich erstmal vorstellen?

Herr Lüdi: Mein Name ist Thai Lüdi. Von Beruf her bin ich Sozialpädagoge und Kunsttherapeut. Ich habe lange Jahre in verschiedenen Einrichtungen psychiatrisch gearbeitet und bin erst seit November 2019 in der Schulsozialarbeit tätig. Seit Dezember 2020 eben als Nachfolger von Frau Just am CaJaBu.

#CaJaBu: Was ist Schulsozialarbeit eigentlich? Wofür genau sind sie zuständig?

Herr Lüdi: Schulsozialarbeit ist ein sehr flexibler Bereich, der sich je nach Bedarf unterschiedlich ausrichten kann. Zunächst werde ich die Bereiche in denen Frau Just tätig war, weiterführen: Aufgaben im Sozialcurriculum übernehmen, die Pat:innen der fünften Klassen begleiten und neue Projekte entwickeln. Vor allem aber als Ansprechpartner für Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern in persönlichen Krisen, Konfliktfällen oder anderen Themen zur Verfügung zu stehen. Hier ist es glaube ich sehr hilfreich, dass die Schulsozialarbeit nicht in den normalen Schulbetrieb eingebunden ist und daher neutral und unabhängig ist. Wir sind bei der Stadt angestellt und quasi an die Schule „ausgeliehen“. Ich sehe das so, dass wir vor allem für die Schüler:innen da sind, insofern ist mir eine enge Zusammenarbeit mit der SV wichtig.

#CaJaBu: Haben sie schon Ideen für neue Projekte oder etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Herr Lüdi: Besonders wichtig ist mir der Bereich psychische Gesundheit/Krankheit/Krise, da es hierzu Nachfragen und Bedarf gab und ich ja aus dem Fachbereich komme. Deshalb schaue ich gerade nach entsprechenden Angeboten, die das Thema gut vermitteln und versuche herauszufinden wie in der Schülerschaft und im Kollegium der Bedarf ist und wie man das dann im Sozialcurriculum verankern kann. Ich denke, dass es wichtig ist, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, sich selbst zu verstehen, zu akzeptieren und einen Weg zu finden das mit den oft auch widersprüchlichen und unsinnigen Anforderungen der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Ihr seid da ja in einer entscheidenden Lebensphase und das sollte neben den schulischen Inhalten meiner Ansicht nach auch eine wichtige Rolle spielen.

#CaJaBu: Wo sind sie denn zur Schule gegangen und wie war das für sie?

Herr Lüdi: Das ist in meinem Fall tatsächlich besonders, da ich an verschiedenen Schulen war und nicht den geraden Schulweg gegangen bin. Unter anderem war ich einige Jahre an der freien Schule „Summerhill“ in England, die nach einem besonderen demokratischen Prinzip funktioniert und wo es sehr viel um Selbstbestimmung und Partizipation der Schüler:innen geht. Das war eine sehr schöne Erfahrung, die mich auch wesentlich geprägt hat. Mein Abitur habe ich allerdings erst später auf dem zweiten Bildungsweg mit Mitte zwanzig gemacht.

#CaJaBu: Und wo haben sie studiert und wo bisher gearbeitet?

Herr Lüdi: Ich habe Ende der 90er Jahre in Kiel an der Fachhochschule Sozialpädagogik studiert und währenddessen in Hamburg eine Weiterbildung zum Kunsttherapeuten gemacht. Danach habe ich erstmal viele Jahre in verschiedenen psychiatrischen Bereichen wie Kliniken, ambulanten Einrichtungen oder Tageskliniken gearbeitet. Die letzten Jahre vor meinem Wechsel in die Schulsozialarbeit habe ich im Suchtbereich auf einer Entgiftungsstation für 16 bis 21-jährige gearbeitet. Das war auch ausschlaggebend dafür, dass ich mehr mit jüngeren Leuten und weiter vorne in der Prävention arbeiten wollte. Deshalb habe ich mich dann umgeschaut und bin auf den Bereich Schulsozialarbeit gestoßen.

#CaJaBu: Würden sie ihre Arbeit nochmal so wählen, wenn sie heute entscheiden könnten?

Herr Lüdi: Einerseits ja, ich würde das wieder so wählen, weil ich sehr gerne mit Menschen arbeite. Andererseits könnte ich mir auch ganz andere Sachen vorstellen. So ging es mir auch damals, ich konnte mich nicht zwischen künstlerischen und sozialtherapeutischen Berufen entscheiden. Letztendlich habe ich mich zunächst für die Kunsttherapie entschieden, weil das beides zusammenbringt. Die Sozialpädagogik habe ich erstmal nur studiert, weil man das für die Weiterbildung zum Kunsttherapeuten brauchte. Im Laufe des Studiums habe ich dann aber gemerkt, dass mir das auch Spaß macht und bin dabei geblieben. Wobei ich auch noch ein wenig Kunsttherapie nebenbei mache.

#CaJaBu: Gibt es Bereiche ihrer Arbeit, die ihnen besonders gut oder nicht so gut gefallen?

Herr Lüdi: Ich bin sehr gerne in Kontakt mit Menschen und kriege mit, wie sie denken, funktionieren und sich entwickeln. Das macht mir total Spaß, ebenso wie ich die verschiedenen Formen des menschlichen Seins interessant finde. Ich vertrete auch die Meinung, dass die Unterscheidung in gesund und krank sehr schwierig ist, da es eine menschliche Vielfalt gibt und diese Kategorien dem nicht gerecht werden. Manche Sachen werden auch als Krankheit definiert, obwohl es eher ein strukturelles Problem ist. Verschiedene Menschen brauchen verschiedene Bedingungen. Das kann man gut am Beispiel Schule sehen. Für einige Menschen ist das Schulsystem so wie es ist perfekt und sie können sich da gut entfalten, andere bräuchten andere Bedingungen und müssen sich da durch quälen oder fallen raus. Die spannende Frage für mich ist da, wie müsste sich das System Schule entwickeln, damit es optimale Bedingungen für möglichst viele Menschen bietet. Neben dem direkten Kontakt zu Menschen ist das ein Thema in das ich mich sehr gerne einbringe.Was mir nicht so gut gefällt: Soziale Arbeit findet oft unter schlechten Bedingungen statt, man arbeitet häufig an Schnittstellen und die dazugehörigen Verwaltungen sind meist sehr langsam oder gar unbeweglich. In der klinischen Arbeit fand ich die Dokumentation und das Berichtswesen sehr anstrengend, weil das sehr viel wichtige Zeit bindet.

#CaJaBu: Haben sie etwas, was sie noch sagen oder mit auf den Weg geben wollen?

Herr Lüdi: Es gibt ein Zitat aus dem Märchenroman Stein und Flöte, welches auf mich persönlich zutrifft und das ich aber grundsätzlich wichtig finde: „Wenn jemand einen Umweg macht, dann heißt das noch lange nicht, dass das der falsche Weg ist.“

-KB für die Schülerzeitung